Brustkrebs - Therapie in Zukunft
Die Zukunft der Brustkrebs-Therapie
Experte Prof. Dr. Ernst Kubista wagt einen Ausblick in die Zukunft: Haben wir bald ein universelles Heilmittel gegen Brustkrebs? Und werden wir uns die teuren Behandlungen noch leisten können?

Wie ist der Trend bei den Heilungsaussichten von Brustkrebs?
Prof. Kubista: Immer mehr Frauen erkranken an Brustkrebs, aber die Sterblichkeit geht erfreulicherweise in den letzten fünf Jahren zurück. Wahrscheinlich aus zwei Gründen: Das eine ist die vermehrte Inanspruchnahme der Früherkennungsuntersuchungen, das andere die verbesserte Therapie.

Kann die Früherkennung in Österreich noch ausgeweitet werden?
Prof. Kubista: Die Zahl der Frauen, die an den Früherkennungsuntersuchungen teilnehmen, nimmt zu, und es ist auch bereits der gewünschte Effekt eines Rückgangs der Sterblichkeit von Brustkrebs eingetreten. Allerdings gehen vor allem jüngere Frauen vermehrt zur Früherkennung, bei denen der Krebs nicht so häufig ist. Die wichtige Zielgruppe sind die 45- bis 60-Jährigen und dort ist die Steigerung noch nicht in diesem Ausmaß gelungen.
Österreich ist das einzige Land in der alten EU, das noch kein gesetzliches Mammographie-Screening hat. Es ist wirklich traurig, dass man sich damit so viel Zeit lässt, obwohl die von Experten entworfenen Pläne fertig in der Schublade liegen – man braucht sie nur herausnehmen. Während es zum Beispiel in Deutschland schon seit einigen Jahren flächendeckende Untersuchungsprogramme gibt, verzögern unsere Gesundheitspolitiker die schnelle Umsetzung in Österreich. Es gibt ein Modellprojekt in Vorarlberg und zwei weitere im Innkreis und Burgenland, aber diese kleinen Projekte mit 30.000 Frauen sind lächerlich, angesichts der Tatsache, dass weltweit bereits Millionen Frauen gescreent worden sind und man die Vorteile genau kennt.

Was sind die bedeutenden Verbesserungen der letzten Jahre?
Prof. Kubista: Auf operativem Gebiet, aber vor allem auch auf dem Gebiet der Medikamente hat sich viel verbessert. Einen speziellen Durchbruch gab es für eine kleinere Gruppe von 15 bis 20% der Frauen, die das Krebs-Gen HER2/neu in ihrem Tumor tragen. Mit Hilfe von Antikörpern kann die Häufigkeit einer Absiedelung des Tumors in entfernt liegende Körperbereiche bei ihnen um 50% gesenkt werden – was in der Medizin eine Riesensache ist. Allerdings muss man sagen, dass es für die Frauen dennoch günstiger ist, nicht in dieser Gruppe zu sein, da ihre Heilungsaussichten weniger günstig sind als ohne das spezielle Krebs-Gen.
Für die große Mehrzahl der Frauen, deren Tumore sensibel auf Hormone reagieren, hat sich durch die Einführung einer neuen Medikamentengruppe ebenfalls Wesentliches verbessert. Mit Aromatasehemmern, die heute anstelle des älteren Medikamentes Tamoxifen eingesetzt werden, können Frauen nach dem Wechsel effektiver als bisher vor einem Wiederauftreten geschützt werden.

Werden die neuen Therapien noch bezahlbar sein?
Prof. Kubista: Alle neuen Behandlungsformen sind zunächst sehr teuer, das ist klar. Und dafür ist auch ein gewisser Mitteleinsatz notwendig. So kostet beispielsweise eine Jahrestherapie mit dem Antikörper Trastuzumab etwa 35.000 Euro. Die Therapie mit den sog. Aromatasehemmern ist mit zwei- oder dreitausend Euro pro Jahr wesentlich günstiger, aber immer noch dreimal so teuer wie die Tamoxifen-Behandlung. Am Wiener AKH haben wir die Zusage der verantwortlichen Gesundheitsfunktionäre, dass die Kosten der wirksamsten Medikamente übernommen werden, was sehr fortschrittlich und wunderbar ist. Bei den Kosten der Krebstherapie zu sparen. lohnt sich auch nicht, da ihr Anteil am gesamten Gesundheitsbudget nur ein Prozent beträgt.
Beim Vergleich mit den Verhältnissen in anderen Ländern, beispielsweise England mit seinem katastrophalen Gesundheitssystem, wird klar, wie gut wir es in Österreich haben. Und ich hoffe, dass das auch so bleibt und nicht immer nur vom Sparen geredet wird, sondern von einer Investition. In Gesundheit muss investiert werden, damit man später mehr davon hat. Das gilt für das System wie für jeden Einzelnen. Die Menschen sind jahrzehntelang falsch informiert worden, indem man ihnen vorgemacht hat, dass Gesundheit nichts kostet und mit den Beiträgen sowieso alles abgedeckt sei. Das ist schlicht und einfach nicht wahr. Aber die Menschen sind bereit, in ihre Gesundheit zu investieren, und diese Haltung wird in Zukunft sicher verstanden und durchgesetzt werden. Es sind keine großen Beträge, vielleicht zehn Euro im Monat, die man beim derzeitigen Stand zusätzlich einsetzen müsste.

Wo sehen Sie die Durchbrüche in der Medikamentenforschung der nächsten Jahre?
Prof. Kubista: Auf längere Sicht wird es sicherlich Innovationen im Bereich der biologischen Therapien geben, also neue Antikörper-Therapien ähnlich dem Trastuzumab. Ein anderes viel versprechendes Gebiet sind die so genannten Anti-Angiogenese-Wirkstoffe, die die Blutversorgung des Tumors unterbrechen. Sie werden bei einer Reihe von Krebserkrankungen, auch beim Brustkrebs, bereits angewendet. An ihrem Beispiel wird deutlich, wie lange es dauert, bis neue Medikamente breit eingesetzt werden können: Seit der Entdeckung von Wirkstoffen zur Anti-Angiogenese sind inzwischen 20 Jahre vergangen. Deshalb sollte man sich nicht alle halbe Jahr ein Wundermittel erwarten. Auf dem Sektor der Chemotherapie sind wahrscheinlich keine großen Fortschritte mehr zu erzielen. Die Substanzen sind bereits ziemlich ausgereift.

Wo liegen die Trends in der Diagnostik?
Prof. Kubista: In den nächsten Jahren, aber nicht in der unmittelbaren Zukunft, wird das Suchen nach Proteomics an Bedeutung gewinnen. Proteomics sind Eiweißkörper die von Tumorzellen produziert werden und mit Hilfe einer sehr aufwändigen Technologie in Körperflüssigkeiten nachgewiesen werden können. Im Urin lässt sich dadurch ein Blasenkrebs diagnostizieren, im Speichel Lungenkrebs und im Blut alle anderen Krebsarten. So könnten die Früherkennung und die Überwachung der Therapie wesentlich verbessert werden. In diese Richtung geht derzeit ein Großteil der Forschungsintensität und des Forschungsgeldes.

Stehen auch Neuerungen bei der Mammographie an?
Prof. Kubista: Die Mammographie und der Ultraschall werden noch lange Zeit die Basis der Diagnostik sein. Vor allem, weil sie flächendeckend verfügbar und kostengünstig sind. Nur bei sehr gefährdeten Frauen mit familiärem Brustkrebs wird auch die Magnetresonanz-Tomographie in den Routineuntersuchungen in der Früherkennung eingesetzt.

Sind die operativen Methoden bereits ganz ausgereift?
Prof. Kubista: Auch hier ist man noch nicht am Ende der Entwicklung angelangt. Wir haben in Österreich Weltstandard erreicht und können bis zu 80% der Frauen brusterhaltend operieren. Ein Grund für dieses gute Abschneiden ist sicherlich auch die medikamentöse Behandlung vor der Operation, die so genannte neo-adjuvante Therapie. Mit Hilfe einer Chemotherapie oder hormonellen Therapie vor dem Eingriff kann nicht nur der Tumor für die brusterhaltende OP verkleinert werden, wir erfahren zusätzlich, ob das Mittel überhaupt wirkt. Denn nach der Operation ist ein Ansprechen ja nicht mehr zu sehen. Auch die Wächter-Lymphknoten-Biopsie, bei der nur einer der Lymphknoten entfernt werden muss, ist ein wichtiger Fortschritt. In Zukunft wird es wahrscheinlich immer weniger notwendig sein, größere Gewebeteile aus der Brust zu entfernen. Kleine Areale könnten dann elektrothermisch, mit Kälte oder mit einem Laser, ohne große Hautschnitte beseitigt werden. Voraussetzung ist natürlich, dass die Veränderungen sehr klein sind, und die Voraussetzung dafür ist die Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen.

Kann in Zukunft die Behandlung für jede Frau maßgeschneidert werden?
Prof. Kubista: Die "maßgeschneiderte Therapie" ist zum Teil schon Realität. Beispielsweise durch die Erhebung des Hormonrezeptor-Befundes, mit dessen Hilfe Frauen einer bestimmten Behandlung zugeordnet werden. Ein großer Schritt in Richtung zielgerichtete Therapie ist auch die In-vitro-Medikamenten-Testung. Dabei werden der Patientin Tumorzellen entnommen und im Labor vermehrt. An den Proben kann dann im Vorhinein bestimmt werden, welcher Wirkstoff am besten hilft. Das Verfahren wird schon verwendet, aber im großen Stil umsetzen lässt es sich noch nicht.
Prof. Kubista, wir danken für das Gespräch!
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